Der Papagei und der Albatros

Maori-Legende

Der Papagei und der Albatross

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Kakapo der Bodenpapagei, und Toroa der Albatros gerieten eines Tages in einen Streit darüber, wer von ihnen der überlegene Vogel sei, denn diesem würde es zustehen, Anführer aller Vögel des Landes zu werden. Schließlich sagte Kakapo: „Lass uns einen Wettstreit austragen.“
Und Toroa stimmte zu.

Ein Versteckspiel sollte die Lösung bringen. Wer von ihnen sich so gut verbergen würde, dass der andere ihn nicht finden kann, dem allein stünde der Sieg zu. Der Schauplatz für die Entscheidung sollte die offene Wiese vor ihren Schnäbeln sein. Weder Baum noch Busch noch Stein boten Schutz und Unterschlupf – allein Farne und Gräser, soweit das Auge reichte.

„Albatros“, sagte Kakapo, „du sollst beginnen“. Und er lachte sein kehliges Lachen. „Verstecke dich so gut du kannst. Nützen wird es dir trotzdem nichts. Denn ich werde dich finden.“ Toroa lachte ebenfalls. „Ich bin der größte aller Vögel. Wie willst du mich also finden, kleiner Papagei?“
Also sah sich Toroa um. Er watschelte auf seinen großen Füßen in die Wiese hinein und suchte sich eine Mulde, die ihm geeignet schien. Dort legte er sich hinein und nutzte seinen langen Schnabel, um seinen großen weißen Körper mit Gräsern zuzudecken. Dann legte er den Kopf auf den Boden und macht sich so klein wie möglich. Doch stach er aus der Wiese hervor wie ein Kreidefelsen. Als Kakapo nun zur Suche aufbrach, brauchte er nicht lange, um Toroa zu finden. Er hüpfte über die Wiese, und als er vor dem weißen Federberg stand, platzte er heraus: „Ich hab dich, Albatros!“

Verärgert richtete sich Toroa aus seinem Versteck auf und fragte mürrisch nach einer zweiten Chance. „Aber natürlich“, kicherte Kakapo. „Gehe nur und verstecke dich woanders. Ich warte derweil hier.“ Noch einmal versteckte sich Toroa in der Wiese. Abermals begab sich Kakapo auf die Suche. Eine Weile lang irrte der Papagei umher, bis er einen Luftzug im Gesicht spürte: Wind kam auf. Er rannte weiter und plötzlich sah er, wie sich eine weiße Feder aus der Wiese hob und wieder senkte. Da war es um Toroa geschehen. Es spürte den spitzen Schnabel des Papageien im Rücken und fuhr auf.
„Hab dich“, gluckste Kakapo. „Nun bin ich an der Reihe.“

Entgeistert trottete Toroa davon, während Kakapo sich ein passendes Versteck suchte. Schon nach kurzer Zeit wurde er fündig und duckte sich unter einen prächtigen Farn. Die Tarnung hätte besser nicht sein können. Das Grün des Farns verdeckte die wenigen gelben und roten Federn im ansonsten grünen Kleid des Papageis. Hoch oben schwebte Toroa anmutig durch die Lüfte und reckte den Hals nach links und rechts auf der Suche nach dem Papagei. Doch der war nirgendwo zu sehen. Nach einer Weile gab er auf und rief entmutigt nach dem kleinen Kakapo.

Der Papagei trat unter dem Farn hervor und lachte laut. Da endlich sah ihn der Albatros. „Verstecke dich noch einmal, Kakapo. Dieses Mal werde ich dich finden“, rief Toroa ihm zu. Doch auch beim zweiten Mal fand er den Papagei nicht und musste seine Niederlage schließlich eingestehen. Kakapo gewann nicht nur den Wettstreit, er wurde auch zum Anführer aller Vögel ernannt. Toroa hingegen musste sich nach einem neuen Lebensraum umsehen, denn ihm wurde im Gegenzug die Eignung für ein Leben an Land abgesprochen. Und so kam es, dass der Albatros seither seine Zeit auf dem Meer verbringt, während der Papagei weiterhin an Land herumtollt. Diese Legende ist Teil des Hörbuch Neuseeland live