Wie das Licht in die Welt kam

Maori-Legende

Wie das Licht in die Welt kam

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Tane Mahuta, ein Kauri-Baum. Der Kauri-Baum. In schwindelerregende Höhe strebt er empor; seine Äste erreichen den Himmel, seine Wurzeln halten die Erde. Seine Blätter rauschen wie zahllose Stimmen, wie eine einzige Stimme. Sie erzählt seine Geschichte.

Einst, bevor es Tag und Nacht gab, ehe Hell und Dunkel voneinander geschieden waren, als die Götter noch jung waren, hielten sich Rangi, Vater Himmel, und Papa, Mutter Erde, fest umarmt. So fest, dass kaum ein Lichtstrahl zwischen Sie drang und ihre Kinder, die Götter, keinen Platz hatten aufzustehen und halb blind auf allen Vieren umherkriechen mussten. Es verlangte sie nach Höhe und Weite, nach Luft und nach Licht, doch weiterhin lagen Himmel und Erde so dicht beisammen, dass kaum ein Lichtstrahl Raum zwischen ihnen fand.

Schließlich trafen sich die Geschwister um sich zu beraten: „Was sollen wir tun?“ sagten sie. „Wir sind keine Kinder mehr, wir müssen umherstreifen können. Wir wollen die Welt sehen und wir brauchen Licht.“
Da schlug Tane, der Stärkste von ihnen, vor: „Lasst uns den Himmel fortschieben! Dann werden wir Licht haben und können nah bei unserer Mutter Erde leben.“

Tawhiri, der Gott der Winde, der seinen Vater besonders liebte, widersprach heftig, doch die Götter hörten nicht auf ihn und begannen damit, den Himmel fortzuschieben. Als erstes versuchte es Rongo, der Gott der Nahrung. Schultern und Rücken presste er gegen Vater Himmel. Er  schob  und  drückte, doch ohne Wirkung. Auch Tangaroa, der Gott der Fische, hatte nicht mehr Erfolg. Einer nach dem anderen versuchten es die Götter, aber keiner konnte den Himmel auch nur eine Handbreit bewegen.

Als Letzter erhob sich Tane, der Gott des Waldes, der Tiere und der Insekten. Fest stand er auf der Erde und legte entschlossen seine Hände an den Himmel. Dann richtete er sich langsam auf. Rangi erzitterte. Er konnte sich an Papa nicht festhalten und musste weiter und weiter zurückweichen, je mehr Tane sich streckte. Das Licht strömte zwischen Vater Himmel und Mutter Erde, die einander nun nicht mehr berühren konnten. Rangi weinte darüber bitterlich und seine Tränen benetzten Papa als Regen, während Papas Seufzer als Nebel zu Rangi emporstiegen.
Die Götter jedoch waren froh. Zum ersten Mal konnten sie umherwandern und Papa und Rangi in ihrer Schönheit und Erhabenheit erfassen, denn das Licht füllte nun die ganze Welt.

Auch Tane war froh und wollte seine Eltern nun gern noch schöner machen. Als erstes schenkte er Mutter Erde die Bäume, die im Licht rasch wuchsen und ein Heim wurden für seine anderen Kinder, die Vögel, Waldtiere und Insekten. Wie herrlich Papa in ihrem grünen Gewand aussah!
Tanes zweites Geschenk war für Rangi, der einsam und trauernd in der Finsternis saß und auf Papa hinabblickte. Ihm schenkte Tane Sonne und Mond, auf dass Papa bei Tag und Nacht sein Gesicht sehen konnte. Außerdem schenkte Tane ihm das Gewand der Dämmerung.

Dann  bat  Tane  seinen  Bruder  Uru, dass  dessen Kinder, die Sterne, ihm helfen sollten. Ihre lebenden Flammen würden Rangis Einsamkeit gewiss lindern. Sorgfältig befestigte Tane die Sterne auf dem Mantel seines Vaters und setzte fünf Sterne wie entflammtes Silber in Form eines Kreuzes auf seine Brust.
Als der Tag zu Ende ging, sah Tane auf der Erde nun das erste Mal, wie Rangi seinen Mantel aus Sternen ausbreitete und den ganzen Himmel mit seiner strahlenden Schönheit erfüllte.
Alles hätte gut sein können, wäre da nicht der Windgott Tawhiri gewesen. Aus Ärger über Tane, der seine Eltern getrennt hatte, hatte er ihn und seine Geschwister verlassen, um bei Rangi zu leben. Solange Tane gearbeitet hatte, hatte er sich versteckt gehalten, aber als er nun sah, wie schön Tane Himmel und Erde gemacht hatte, und als er sah, wie glücklich die Götter waren und wie zufrieden Tane im Wald und Tangaroa im Meer lebte, packten ihn Wut und Eifersucht.
„Jetzt ist die Zeit des Müßiggangs für meine Brüder vorbei!“ lachte er hämisch und war wild entschlossen ihr Glück zu vernichten.
Tawhiri rief seine Kinder, die Winde, herbei und kam über das Land. In Sturm gekleidet und mit Blitzen bewehrt schleuderte er die Winde über die Ebenen, die Hügel, die Wälder. Äste splitterten und Stämme brachen, die Winde rissen Blätter fort, packten die Bäume an den Kronen und warfen sie zu Boden. Nichts als Verwüstung herrschte, wo Tawhiri gegangen war, und keine Tierstimme war mehr zu hören.
Der Windgott raste weiter. Er kam über das Meer und peitschte riesige Wogen auf, die sich brüllend auf das Land warfen und Erde und Steine mit sich zerrten. Laut lachte Tawhiri auf, als er sah, wie Meer und Land gegeneinander kämpften.
Zufrieden mit seinem Werk entschwand er gen Himmel.

Nun legten sich die Winde und die Wellen flauten ab. Die wenigen Bäume, die noch standen, streckten sich und die Sonne schien wärmend auf ihre Blätter. Es kehrte wieder Ruhe ein auf der Welt.
Doch Tawhiri war es gelungen, Land und Meer zu Feinden zu machen. Von Zeit zu Zeit hetzt er beide aufeinander, denn er vergibt Tane nicht, dass er Rangi und Papa getrennt hat, und erkennt nicht, dass Tane das Licht in die Welt gebracht hat, dass er Rangi den Sternenmantel und Sonne und Mond gegeben und Papa in das Gewand des Waldes gehüllt hat.

Tane hat Vater Himmel und Mutter Erde getrennt, und doch er liebt beide. Zwischen sie hat er die Bäume gestellt, die Himmelspfeiler, die Kauri-Bäume, die tief in Papa wurzeln und ihre Äste hoch zu Rangi strecken. Und inmitten von ihnen hält auch Tane Mahuta bis heute den Himmel über der Erde. Diese Legende ist Teil des Hörbuch Neuseeland live